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SYMBOL DER ERNEUERUNG

Die heute für uns selbstverständliche Vorstellung, daß das in die Stadt geleitete Wasser diese durch Siele wieder verlassen muß, ist noch nicht sehr alt; sie wurde erst zu einer Zeit für die städtische Planung maßgebend, als die meisten Städte Eisenbahnstationen hatten und ihre Straßen mit Gas zu beleuchten begannen.

Die moderne Vorstellung von einem "Stoff", der seinem vorgegebenen Weg folgt und dabei stets wieder zu seiner Quelle zurückkehrt, blieb sogar dem Renaissancedenken fremd. Das von Harvey eingeführte Konzept einer "Zirkulation" stellt einen grundlegenden Bruch mit der Vergangenheit dar. Die Neuheit dieser Idee des Kreislaufs ist für die Wandlung des Vorstellungsvermögens vielleicht genauso bedeutsam, wie es Keplers Entscheidung war, die einen leuchtenden Planeten tragenden durchsichtigen Sphären (an die Kopernikus noch glaubte) durch die neuen elliptischen, von Kugeln befahrenen Umlaufbahnen zu ersetzen.

Die Vorstellung eines solchen Kreislaufs ist so neu und so fundamental wie die der Schwerkraft, der Erhaltung der Energie, der Evolution oder der Sexualität. Aber weder die radikale Neuheit der Idee von zirkulierendem ‹Stoff› noch deren Auswirkung auf den Aufbau des modernen Raumes wurde mit der gleichen Aufmerksamkeit geprüft, wie sie den Gesetzen Keplers oder den Ideen von Newton, Helmholtz, Darwin oder Freud gewährt wurde.

Körper waren immer schon in der Lage gewesen, um einen Mittelpunkt zu kreisen. Das abstrakte Konzept einer kreisförmigen Bewegung hatte Anlaß zu einflußreichen Metaphern gegeben. Die Gegenwärtigkeit des Mittelpunktes, an jedem Punkt seines Umkreises zugleich zu sein, war ein Symbol für Gott, die Seele und die Ewigkeit gewesen. Auch die Zeit wurde von vielen Denkschulen als kreisförmig gedacht. Der Phönix war das Symbol der Erneuerung durch das Feuer; Platon beschrieb die zyklische Erneuerung als ein periodisches Fluten. Den Seelen war es möglich, geboren und wiedergeboren zu werden. Aber die Verbindung zwischen Wassern und dem, was wir Kreislauf nennen, war noch nicht hergestellt worden.

Vor Harvey war mit der "Zirkulation" einer Flüssigkeit das verstanden worden, was wir Evaporation nennen: die Trennung des ‹Geistes› aus einem ‹Wasser›, zum Beispiel die Destillation von Alkohol aus Wein oder der Prozeß der ‹Spiritualisierung›, bei der man sich vorstellte, daß Blut durch das Septum (die von uns heute als undurchlässig betrachtete Scheidewand) von der linken auf die rechte Hälfte des Herzens passieren konnte.

Die Vorstellung von einem Stoff, der ständig wieder zu seiner eigenen Quelle zurückfließt, stellt eine bedeutende Neuerung für die Wahrnehmung von Wasser, eine Wesensverwandlung seines ‹Stoffes› dar.

Die erste Flüssigkeit, der ‹Zirkulation› zugeschrieben wurde, war das Blut, und der erste Mensch, der die Idee aufbrachte, daß Blut zirkuliere, war - wie es scheint - Ibn al-Nafiz. (…)

Aus: "H2O und die Wasser des Vergessens" von Ivan Illich