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NACH DEM UNTERGANG DES HIMMELS

Folgerichtig sind es in der Neuzeit nicht mehr die Metaphysiker, sondern die Geographen und die Seefahrer, denen die maßgebliche Weltbild-Aufgabe zufällt: Ihre Mission ist es, die letzte Kugel im Bild zu präsentieren. Von allen runden Großkörpern kann der schalenlosen Menschheit nur ihr eigener Planet noch etwas bedeuten. Die Weltumsegler, die Kartographen, die Konquistadoren, die Welt-Kaufleute, ja sogar die christlichen Missionare und ihr Nachtrab aus Entwicklungshelfern und aus Touristen, die Geld für Erlebnisse auf fernen Schauplätzen ausgeben - sie alle verhalten sich aufs ganze gesehen so, als hätten sie begriffen, daß die Erde selbst es ist, die nach der Destruktion des Himmels dessen Funktion als letzter Großrundung zu übernehmen hatte. Die physisch reale Erde als unregelmäßig gewölbter, unberechenbar unebener, chaotisch gefalteter und geriffelter Körper, galt es im Ganzen zu umrunden und zu erfassen.

Darum mußte das neue Erdbild, der terrestrische Globus, zur Leitikone der neuzeitlichen Welt-Anschauung aufsteigen. Vom Nürnberger Behaim-Globus von I492 - dem ältesten erhaltenen Exempel seiner Art - bis zu den aktuellsten NASA - Erdphotogrammen ist der kosmologische Prozeß der Moderne geprägt von den Gestaltwandlungen und Präzisierungen des Erdbildes in seinen diversen technischen Medien. Zu keiner Zeit aber - nicht einmal im Zeitalter der Raumfahrt - konnte das Unternehmen, die umrundete Erde zu visualisieren, seine semi-metaphysische Qualität verleugnen. Wer nach dem Untergang des Himmels das Portrait der ganzen Erde versuchen wollte, stand, wissentlich oder nicht, in der Tradition der altabendländischen metaphysischen Kosmographie.

Aus: "Sphären" von Peter Sloterdijk