• EINLEITUNG - FEUER •
 
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DAS FEUER IST ÜBERLEBENDIG

Das Feuer ist ein einzigartiges Phänomen, das alles zu erklären vermag. Wenn alles, was sich langsam ändert, sich durch das Leben erklären läßt, so läßt sich alles, was sich schnell ändert, durch das Feuer erklären. Das Feuer ist überlebendig. Das Feuer ist zutiefst innerlich, und es ist universal. Es lebt in unserem Herzen. Es leuchtet am Himmel.

Es steigt aus den Tiefen der Substanz und triumphiert wie der Gott Amor. Es steigt wieder in die Materie hinab und verbirgt sich, ist untergründig und gezügelt wie der Haß und die Rachsucht. Unter allen Phänomenen ist das Feuer wahrhaft das einzige, dem sich mit der gleichen Bestimmtheit die beiden entgegengesetzten Werte zusprechen lassen: das Gute und das Böse.

Es erstrahlt im Paradies. Es brennt in der Hölle. Es ist Labsal und Qual. Es ist das Feuer des Herdes und der Brand der Apokalypse. Für das Kind, das artig am Ofen sitzt, ist es wohlige Wärme; es bestraft indessen jede Übertretung, wenn man allzu nahe mit seinen Flammen spielen will.

Es ist Geborgenheit, und es ist Ehrfurcht. Es ist ein schützender und ein strafender Gott, es ist gut und böse. Es kann zu sich selbst in Widerspruch stehen: es ist also ein Prinzip universeller Deutungsmöglichkeit.

Aus: "Psychoanalyse des Feuers" von Gaston Bachelard