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DIE
ERSTEN WÄRMEGENIEßER
Das Feuer verwöhnt die
Menschen und macht sie abhängig von Entlastungen: Damit kann
die Zivilisation als Verwöhnungsgeschichte - und als Kampf
um den Zugang zu den knappen VerwöhnungsmitteIn - beginnen.
Alle anderen häuslichen und städtischen Verwöhnungs-
und Entlastungsschritte folgen auf das Herdfeuer als erste große
Annehmlichkeit. Es ist die Wärme des gezähmten Feuers,
die die Menschen an einem Versammlungsort wie um einen Brennpunkt
zusammenzieht.
Man könnte Vitruvs lakonische
Gedanken mühelos zu einer Soziologie des Herdes weiterbilden:
Demnach lägen die ersten Motive der Gruppenbildung in einer
zweifach unwiderstehlichen Bequemlichkeit - in der wohltuenden Wärmestrahlung
selbst und in den angenehmen Reden der Menschen über dieses
Angenehme. Vitruv hebt den Punkt, auf den es ankommt, klar hervor:
Die ersten Wärmegenießer rufen die nächsten herbei
und kommunizieren mit ihnen in Gebärden und primitiven Worten
über die Vorzüge der neugefundenen wundersamen Zentralkraft.
Also ein thermischer Sozialismus
im Beginn - eine Urversammlung um ein gehegtes Feuer - ein Ring
von Menschen um das, was später (wenn Kessel und Töpfe
hinzukommen) der Herd heißen wird - und zugleich die paradigmatische
Erfahrung, daß die Strahlungswärme sich um die Glutmitte
nach allen Seiten gleichmäßig ausbreitet, so daß
die VersammeIten, solange sie nur einen einzigen Ring ums Feuer
bilden, nie als Konkurrenten um die schöne commoditas aneinander
geraten müssen.
Kommt die Strahlung allen zugute,
so bedeutet sie unmittelbare Solidarität. Tritt jemand hinzu,
dann so, daß man ihm Platz macht in dem einen Ring. Wird der
egalitäre Ring so groß, daß niemand mehr profitiert,
erlischt der Zauber, und vor der frostigen Unzufriedenheit werden
alle gleich. Müssen sich aber Wärmekandidaten hinten ansteIlen,
entsteht die thermische Klassengesellschaft.
Aus: "Sphären" von Peter Sloterdijk
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