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ERFAHRUNG MIT EINER GALAXIE

Die meisten Menschen leben nicht auf der Erde, die sich dreht und um die Sonne kreist. Wir leben mehr in einem Phantasiegebilde, wo die Erde ein fester Ort ist, an dem sich der Boden nie bewegt, und wo der Planet als irgendwie auf einer großen Zementplatte liegend betrachtet wird. Über das Sonnensystem aber so lange nachzudenken, bis Sie spüren, daß sich die große Erde von der Sonne wegbewegt und dieser gigantische Planet um seinen großen kosmischen Partner geschleudert wird, heißt, in einen See voller Wunder einzutauchen, während Sie den ersten Schritt in ein Leben im jetzigen Universum, im Sonnensystem und auf der Erde machen. (...)

Wenn Sie noch nie eine Erfahrung mit einer Galaxie gemacht haben, haben Sie eine der größten Möglichkeiten im Universum noch vor sich. Sie müssen nur 40 oder 50 Meilen aus der Stadt aufs Land fahren, um der Verschmutzung in der Stadt zu entkommen. Wenn Sie bereits auf dem Land leben, um so besser. Dann können Sie sich den Weg sparen. Nehmen Sie ein paar Freunde mit, vergessen Sie die Decken und eine oder zwei Thermoskannen Kaffee nicht und dann, sobald die Nacht hereinbricht, legen Sie sich auf den Rücken. Sie erblicken diese Lichtspur der Milchstraße, die sich von einem Horizont klar durch das Himmelsgewölbe hindurch den ganzen Weg bis zur gegenüberliegenden Seite der Welt erstreckt. Das ist die Milchstraßengalaxie - unsere Heimat.

Letztendlich wissen wir so wenig über das Universum, so wenig über die dunkle Vergangenheit, so wenig über die Zukunft. Wir wissen aber, wenn wir in Staunen versunken die Milchstraße, die uns in der Nacht umgibt, betrachten, daß wir eine Erfahrung machen, die wir mit Milliarden von Menschen vor uns teilen. Von jedem Platz auf dem Planeten aus und in jeder Epoche der Geschichte waren die Menschen von Ehrfurcht ergriffen, wenn sie über dieses große Licht, das die Welt einhüllt, nachdachten.

Unsere Vorfahren erklärten sich auf ihre Weise, was das alles zu bedeuten hat. Jetzt können auch wir, auf eine neue Weise, Erklärungen finden für das, was es da zu sehen gibt. In jedem Fall aber ist Ehrfurcht eine grundsätzliche Voraussetzung. Und wenn wir eine gute Erklärung finden, wird die Ehrfurcht nur noch tiefer. In erster Linie wollen wir mit unseren Erklärungen nicht die Ehrfurcht beseitigen, sondern die Rätsel, von denen wir umgeben sind, noch besser begreifen und noch tiefer in das Meer von Schönheit, das uns umgibt, eintauchen können. (...)

Die Momente der Ehrfurcht zu versäumen, nicht über derart majestätisches Geschehen zu staunen, nicht jeden Tag - wenigstens für ein oder zwei Momente - zu leben, als trieben wir in einem gewaltigen und vertrauten geheimnisvollen Etwas, heißt, ein Leben zu führen, dem etwas fehlt. Ich gehe sogar noch weiter. Es heißt, ein Leben zu führen, das für fundamentale Erschütterungen anfällig ist. (...)

Wenn Sie auf dem Rücken liegen und die Milchstraße erblicken, versuchen Sie einmal, sich in Ihrer Phantasie von dieser 70 Millionen Jahre alten Konditionierung zu lösen. Solche Imaginationsarbeit stellt eine der größten Freuden des menschlichen Daseins dar und liegt allen großen Errungenschaften in Kunst, Naturwissenschaft oder der Zivilisation als Ganzes zugrunde. Stellen Sie sich vor, wie die Erde im Weltall treibt, und anstatt sich Ihren Standpunkt auf dem "obersten" Rand der Erde auszumalen, ordnen Sie in Ihrer Vorstellung das Bild so, daß Sie sich "unten" auf dieser visualisierten Erde befinden.

Nun, wie Sie so daliegen, stellen Sie sich vor, wie Sie in die unendliche Tiefe des Nachthimmels blicken. Wenn Ihre Vorstellungskraft groß genug ist, können Sie ganz schnell eine neue Erfahrung machen. Wenn nicht, dauert es etwas länger. Aber der Moment wird kommen, daß Sie - in einer raschen Neueinteilung der Phänomene - all die Sterne als unten liegend erleben werden, weit, weit unten. Und das verblüffende Gefühl, das diese Erfahrung begleitet, kommt wahrscheinlich daher, daß Sie gewissermaßen überrascht sind, daß Sie selbst nicht fallen, um den Sternen dort unten GeseIlschaft zu leisten. Aber Sie fallen natürlich nicht. Sie schweben im Weltall und starren hinunter auf das Sternengewölbe, gehalten von einer Verbindung zur Erde.

Die Schwerkraft der Erde hält Sie, und Sie spüren die Stärke dieser Verbindung durch einen Druck auf den Schultern und entlang des Rückens, des Gesäßes und der Beine. Wir meinen immer, dieser Druck käme von unserem "Gewicht ", aber in einem streng wissenschaftlichen Sinn hat kein Wesen ein Eigengewicht. Es ist eher so, daß aufgrund der Schwerkraft alle Körper in der Lage sind, in eine Wechselwirkung, in unserem Fall mit der Erde, einzutreten.

Es ist nicht unser Eigengewicht, das uns hier hält, denn würden die Schwerkraft der Erde und der Sonne auf einmal verschwinden, würden wir, mit zunehmender Geschwindigkeit, hinabgerissen werden in diese dunkle Tiefe von Sternen unter uns. Es ist nicht das Gewicht. Es ist die Erde, die uns hält, so als hingen wir über den Sternen.

Aus: "Die Erde ist ein grüner Drache" von Brian Swimme