|
|
DIE
GEHEIMNISVOLLE BESCHAFFENHEIT
Der Bibel zufolge hat Gott
am ersten Schöpfungstag gesagt: "Es werde Licht."
Dieses erste Licht verstanden die frühen Kirchenväter
als erhabene, geistige Wirklichkeit, die sie lux nannten und die
für sie die Seele des Raums war. Sie, und nach ihnen die Gelehrten
des Mittelalters, bemühten sich lange und eifrig, lux von seiner
Emanation oder seinem körperhaften Pendant zu unterschieden,
das sie lumen nannten. Für uns ist die Unterscheidung schwer
zu fassen, doch für ihr Weltbild war sie wesentlich.
Lux ist nach dieser Auffassung
das gottgegebene Licht, die Essenz des Lichts und als solche ein
Widerschein des Schöpfers. Laut Augustinus ist es das einfachste,
erhabenste, beweglichste und vielfältigste aller Körperwesen.
Lumen dagegen ist das materielle Medium, das es uns ermöglicht,
das Wesen des Lichts (der lux) wahrzunehmen. Im Glanz der Sonne
sehen wir ihre lux, doch dies gelingt uns nur mittels des unsichtbaren
lumen, das jene mit uns verbindet. In der Zeit von Augustinus bis
Galilei schwand das Licht, das den Raum beseelte (lux), allmählich
aus den Erörterungen, so daß nur noch seine feste materielle
Spur (lumen) als fossiles Zeugnis für den wißbegierigen
Naturphilosophen zurückblieb.
Das Licht war und ist ein faszinierender
Gegenstand, denn, wie Leonardo schreibt: "Unter allen natürlichen
Ursachen und Gesetzen weiß das Licht den Lernbegierigen am
meisten zu entzücken." Vom Leuchtkraft schenkenden Auge
im alten Ägypten bis zu den Quantenfeldtheorien unserer Tage
hat das Licht den Raum stets seinen Bedürfnissen angepaßt.
Nach Grossetestes Vorstellung
ließ die Entfaltung des Lichts aus dem Urfeuer- seine Stufe
um Stufe erfolgende Vervielfältigung - den Raum entstehen,
bis es, verbraucht, am Rand des von ihm erschaffenen Universums
erstarb.
Der Raum von Euklid und Brunelleschi
ist reine Geometrie. Licht und Blick pflanzen sich in Form von Strahlen
fort, als Geometrie empfindungsfähiger Linien, die die Seele
mit der Welt verbinden.
Für Descartes besitzt
der Raum Dimensionen, ist ausgedehnt und muß deshalb substantiell
sein. Descartes konnte sich keinen ausgedehnten Raum getrennt von
Substanz vorstellen. Wo eines ist, muß nach seiner Ansicht
auch das andere sein. Wenn man bei Nacht oder tagsüber aufblicke,
sehe man einen Himmel, der aus flüssigem Stoff gemacht sei,
und die Planeten wirbelten in seiner Strömung wie Gras in den
Strudeln eines Flusses. Das Licht, wie auch immer es beschaffen
sein mag, muß dieses Medium durchqueren. Ende des 18.Jahrhunderts
gilt der Äther als das materielle Medium; seine Bewegungen
sind das lumen, das es uns ermöglicht zu sehen, während
lux kein Attribut Gottes mehr ist, sondern ein subjektives Phantom
des Bewußtseins.
Unser Verständnis vom
Licht ist also immer mit unserem Raumkonzept verknüpft. Beide
haben sich in gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt. Moralischer
Raum und geistiges Licht, perspektivischer Raum und geometrisches
Licht, materieller Raum und substantielles Licht. Jedes Zeitalter
hat einen Aspekt des Lichts betont und damit seine eigenen Vorlieben
offenbart. Das korpuskulare Lichtkonzept legte Wert auf die substantielle
Natur seines Gegenstands und litt dennoch unter empfindlichen Mängeln.
Vielleicht war richtig, was
einige behaupteten: daß das Licht nicht als materielle Substanz
oder Flüssigkeit zu betrachten sei, sondern als reine Form,
eine tanzende Figur. Schließlich habe sich ja auch die geheimnisvolle
Beschaffenheit des Schalls am Ende aufgeklärt und als Schwingung
der Luft erwiesen. Vielleicht stelle sich ja auch eine ähnliche
Sicht des Lichts als nützlich heraus. Es ist nicht verwunderlich,
daß ein Mathematiker, dessen Lebensarbeit ja die ständige
Betrachtung des Immateriellen ist, als erster darauf verfiel, das
Licht sei eine Figur, die durch den Äther tanzt.
Aus: "Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein"
von Arthur Zajonc
|