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NACH
MONTANA
Wenn man mit dem Motorrad Ferien
macht, sieht man die Welt mit anderen Augen an. Im Auto sitzt man
ja immer in einem Abteil, und weil man so daran gewöhnt ist,
merkt man nicht, daß alles, was man durchs Autofenster sieht,
auch wieder bloß Fernsehen ist. Man ist passiver Zuschauer,
und alles zieht gleichförmig eingerahmt vorüber.
Auf dem Motorrad ist der Rahmen
weg. Man ist mit allem ganz in Fühlung. Man ist mitten drin
in der Szene, anstatt sie nur zu betrachten, und das Gefühl
der Gegenwärtigkeit ist überwältigend. Der Beton,
der da fünf Zoll unter den Füßen durchwischt, ist
echt, derselbe Stoff, auf dem man geht, er ist wirklich da, so unscharf
zwar, daß er sich nicht fixieren läßt, aber man
kann jederzeit den Fuß darauf stellen und ihn berühren;
man erlebt alles direkt, nichts ist auch nur einen Augenblick dem
unmittelbaren Bewußtsein entzogen.
Chris und ich fahren mit Freunden,
die ein Stück vor uns sind, nach Montana und vielleicht noch
weiter. Wir haben bewußt keine festen Pläne gemacht,
weil Fahren uns wichtiger ist als Ankommen. Wir machen einfach Ferien.
Landstraßen zweiter Ordnung ziehen wir vor. Asphaltierte Bezirksstraßen
stehen ganz oben, dann kommen Staatsstraßen, Autobahnen meiden
wir, wo es geht. Wir wollen gut vorankommen, aber die Betonung liegt
für uns mehr auf dem "gut" als auf dem "vorankommen",
und mit dieser Akzentverschiebung stellt sich ein ganz anderes Verhältnis
zur Zeit ein.
Gewundene Bergstraßen
sind lang, wenn man nach Sekunden rechnet, aber sie machen viel
mehr Spaß, wenn man sich mit dem Motorrad in die Kurve legt,
statt daß es einen in irgendeinem Abteil von einer Seite auf
die andere zieht. Straßen mit wenig Verkehr sind erfreulicher
und außerdem sicherer, Straßen ohne Drive-in-Restaurants
und Reklametafeln, Straßen, bei denen Wäldchen und Wiesen
und Obstgärten und Rasenflächen fast bis an die Bankette
heranreichen, wo einem im Vorüberfahren Kinder zuwinken, wo
die Leute von der Veranda aufschauen, um zu sehen, wer da kommt,
wo die Antworten, wenn man anhält, um nach dem Weg zu fragen
oder andere Auskunft zu erbitten, meist länger ausfallen als
erwartet, wo die Leute wissen wollen, woher man kommt und wie lange
man schon unterwegs ist.
Aus: "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" von Robert
M. Pirsig
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