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DIE UNMITTELBARE WAHRNEHMUNG

Jahrhunderte lang war die Züchtung von Kühen (und anderer landwirtschaftlicher Nutztiere) eine rein intuitive Angelegenheit, gestützt auf die unmittelbare Wahrnehmung von Bau und Verhalten der Tiere. Es war auch etwas, das die Bauern selbst machten. Sie wählten Stiere und Kühe mit Eigenschaften aus, die sich gut für eine bestimmte Situation (Landwirtschaft, Region, Klima usw.) eigneten. Auf diese Weise entstand eine große Vielfalt von Landrassen.

Das begann sich zu verändern mit der Entdeckung der Chromosomen und Gene am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Durch die Naturwissenschaft (Genetik) wurde ein Prozess in Gang gesetzt, in dessen Verlauf die äußerlich wahrnehmbaren Eigenschaften Schritt für Schritt zurückgeführt - reduziert - wurden auf Gene, die nun für diese Eigenschaften verantwortlich galten. Die Züchtung kam immer mehr in die Hände spezialisierter Institute und Betriebe, die über das entsprechende genetische Wissen verfügten und die Bauern berieten.

Ein weiterer wichtiger Schritt war die künstliche Besamung, die es erlaubte, den Samen von bestimmten Spitzenstieren zu benutzen, um sehr viele Kühe zu befruchten. Auf diesen Schritt folgte dann die Invitro-Fertilisation. Samen- und Eizellen wurden dem Stier und der Kuh entnommen und in einem Labor befruchtet. Die entstandenen Embryonen konnten eingefroren und in die ganze Welt transportiert werden.

So wurde Schritt für Schritt der Fortpflanzungsvorgang der Kühe aus den Händen der Bauern und der Tiere selbst genommen und in einem Labor technologisch beherrscht und kontrolliert. Die Anwendung von Gentechnologie ist ein weiterer und entscheidender Schritt in diesem Enteignungsprozess. Selbst die Verschmelzung von Samen- und Eizellen wird jetzt nicht mehr der Natur überlassen. Man greift unmittelbar in den Prozess ein, in der Absicht, die Produktionsprozesse noch rascher beeinflussen und steuern zu können. Indem man die Kuh in ihrer Milch bestimmte artfremde Eiweiße produzieren lässt, wird sie zu einer vom Menschen betriebenen Fabrik.

Aus: "Biotechnologie und die Integrität des Lebens" von Henk Verhoog