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EINIGE
GEMEINSAMKEITEN
Wir leben nicht in einer vorgegebenen
Welt. Eine der bemerkenswerteren Grundaussagen der postmodernen
Revolution in Philosophie, Psychologie und Soziologie lautet, dass
es unterschiedliche Weltsichten gibt, je unterschiedliche Möglichkeiten,
Erfahrung zu kategorisieren, zu präsentieren, zu repräsentieren
oder zu organisieren.
Wir haben es nicht mit einer
monolithischen Welt mit einer einzigen bevorrechtigten Repräsentation
zu tun, sondern vielmehr mit multiplen Welten und pluralistischen
Interpretationsmöglichkeiten. Daruber hinaus sind diese Weltsichten
oft und sogar in aller Regel von Epoche zu Epoche und von Kultur
zu Kultur unterschiedlich.
Natürlich darf man diese
Einsicht auch nicht verabsolutieren - innerhalb der verschiedenen
Interpretationen gibt es genügend gemeinsame Merkmale, sodass
unsere Welt nicht auseinander zu fallen braucht. Forschungen haben
gezeigt, dass es unter anderem in den Sprachen, in den Affekten,
in kognitiven Strukturen und in der Farbenwahrnehmung zumindest
einige Gemeinsamkeiten gibt. Diese gemeinsamen Strukturen sind jedoch
in ganz unterschiedlicher Weise miteinander verflochten und organisiert,
wodurch die bunte Vielfalt von Weltsichten entsteht.
Wiewohl nun die Zahl dieser
Weltsichten theoretisch fast unendlich groß ist, scheinen
etwa ein Dutzend von ihnen besonderen Einfluss gehabt zu haben bzw.
noch zu haben. Diese von Gelehrten wie Jean Gebser, Gerald Heard,
Jürgen Habermas, Michel Foucault, Robert Bellah, Peter Berger
und anderen erkundeten großen Weltsichten sind die sensomotorische,
die archaische, die magische, die mythische, die mentale, die existenzielle,
die psychische, die subtile, die kausale und die nichtduale (was
diese Begriffe im Einzelnen bedeuten, wird im Weiteren erläutert
werden).
Die Frage ist nicht, welche
dieser Weltsichten richtig und welche falsch sind, sie sind alle
zu ihrer Zeit und an ihrem Ort angemessen. Es geht vielmehr darum,
die allgemeinsten Grundzüge einer jeden Weltsicht in einer
einfachen Weise, aber so sorgfältig wie möglich zu katalogisieren
und für den Augenblick einmal die Frage nach ihrer "Wahrheit"
auszuklammern. Versuchen wir einmal, sie einfach so zu beschreiben,
wie wenn sie wahr wären.
So ist zum Beispiel die magisch-animistische
Weltsicht durch eine teilweise Überschneidung von Subjekt und
Objekt gekennzeichnet, sodass "unbelebten Objekten" wie
Steinen und Flüssen Eigenschaften des Lebendigen oder sogar
eine Seele oder ein subjektiver Geist zugedacht werden. Das Kennzeichen
der mythischen Weltsicht ist die Heerschar von Göttern und
Göttinnen, die keine abstrakten Wesen sind, sondern intensiv
wahrgenommene Mächte, die sich ganz direkt in die Angelegenheiten
der Erdenbewohner einmischen.
Die mentale Weltsicht - deren
bekanntestes Teilelement die "rationale Weltsicht" ist
- ist durch die Überzeugung gekennzeichnet, dass die subjektive
Welt grundsätzlich von der objektiven Welt der Natur geschieden
ist. Eines der drängendsten Probleme dieser Weltsicht ist die
Frage, in welchem Verhältnis diese beiden Reiche zueinander
stehen.
Die existenzielle Weltsicht
hat erkannt, dass dem Universum vielfältige Perspektiven immanent
sind; es gibt daher keine bevorrechtigten Perspektiven, sondern
der Mensch muss sich Bedeutung aus einer furchterregenden Vielfalt
von Möglichkeiten selbst destillieren.
Die subtile Weltsicht ist durch
die Wahnehmung subtiler Formen und transzendenter Archetypen gekennzeichnet,
ursprünglicher Manifestationsmuster, die üblicherweise
als göttlich empfunden werden. Das Merkmal der kausalen Weltsicht
ist die unmittelbare Erkenntnis eines weiten nichtmanifesten Reichs,
das als Leerheit, Verlöschen, Abgrund, das Ungeborene, Ain,
Urgrund bezeichnet wird: eine weite Formlosigkeit, aus der alle
Manifestation entspnngt. Die nichtduale Weltsicht schließlich
steht für die radikale Vereinigung des Formlosen mit der ganzen
Welt der Form.
Diese verschiedenen Weltsichten
stellen ein wahrhaft verwirrendes Angebot vielfältiger Möglichkeiten
dar, wie sich unsere Erfahrung organisieren und interpretieren lässt.
Und dies sind keineswegs alle Weltsichten, noch ist diese Liste
unveränderlich oder determiniert; sie entfaltet sich vielmehr
ständig im Zuge neuer Möglichkeiten. Aber ohne irgendeine
Weltsicht geht man in der blühenden, summenden Wirrnis der
Erfahrung unter, wie William James sagte.
Mit anderen Worten, alle unsere
individuellen Wahrnehmungen sind in gewissem Umfang in bestimmte
Weltsichten eingebettet. Innerhalb dieser Weltsichten verfügt
man immer noch über unzählige Wahlmöglichkeiten,
aber andererseits schaffen Weltsichten gewisse Präferenzen.
Wir stehen heute zum Beispiel morgens nicht mehr mit dem Gedanken
auf: "Es ist wieder einmal an der Zeit, einen Bären zu
erlegen."
Jede Weltsicht prägt mit
ihren spezifischen Merkmalen alle, die innerhalb dieser Weltsicht
geboren werden, und die meisten Menschen wissen oder ahnen nicht
einmal, dass sie ihre Wahrnehmungen innerhalb des Horizonts einer
vorgegebenen und ganz spezifischen Weltsicht machen. Weltsichten,
die größtenteils kollektiv und unbewusst wirksam sind,
präsentieren die Welt einfach so - um mit Wittgenstein zu reden
-, wie wenn sie der Fall wäre. Die wenigsten Menschen stellen
die Weltsicht in Frage, innerhalb deren sie sich bewegen, wie ein
Fisch auch nichts davon weiß, dass seine Welt nass ist. (
)
Künstler drücken
Weltsichten aus. Steinzeitkünstler zum Beispiel malten den
magischen Weltraum: einander überschneidende Objekte, kaum
Perspektive, animistische Symbole, kaum Grenzen von Raum und Zeit,
Ganze, die mit ihren Teilen austauschbar waren. Mittelalterliche
Künstler malten den mythischen Weltraum: ein ganzes Pantheon
von Engeln, Erzengeln, einen Gott, einen Sohn dieses Gottes, eine
Mutter dieses Gottes, Moses, der das Rote Meer teilte. Das Thema
waren die unendlichen Möglichkeiten des mythischen Weltraums,
die nicht als Symbole, sondern als Wirklichkeiten dargestellt wurden
(weil sich, wie wir gesehen haben, alle Weltsichten schlicht als
wahr präsentieren).
Mit dem Aufkommen der grob
unter dem Oberbegriff "Moderne" zusammengefassten Bewegung
im Westen, deren Grundlage die mentale Weltsicht mit ihrer Trennung
von subjektivem Geist und objektiver Natur war, werden die mythischen
Themen nach und nach durch Themen ersetzt, die von der Natur, vom
Realismus, vom Impressionismus, vom subjektiven Expressionismus
und vom abstrakten Expressionismus beherrscht werden. Mit dem Aufkommen
der Postmoderne setzt sich diese Bewegung weiter fort in den existenziellen
Weltraum, wo die Vielfalt der Perspektiven, die zunächst die
Quelle unndlicher Kreativität war, sich bald in einen lähmenden
Albtraum unendlicher Ironie
verwandelte. (
)
Jede Weltsicht tritt auch in
pathologischen Formen auf. Die bekannteste innerhalb der rationalen
Weltsicht ist der "Kartesische Dualismus", die Spaltung
zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Geist und Natur. Es ist eine
Sichtweise, der, wie es scheint, jeder denkende Mensch in den letzten
dreihundert Jahren verbal den Kampf angesagt hat. Aber die postmoderne,
integral-aperspektivische Haltung hat durchaus ihre eigene Verirrung,
die man üblicherweise als "aperspektivischen Irrsinn"
bezeichnet, die verrückte Auffassung, dass keine Auffassung
besser sein könne als eine andere.
Von der noblen Forderung ausgehend,
dass man all den vielfältigen möglichen Sichtweisen fair
und unparteiisch gegenübertreten müsse ("Dualismus
und reiche Vielfalt") schlittert die Postmoderne in ihren extremen
Formen in die mörderische Auffassung, dass keine Sichtweise
besser sein könne als eine andere, eine Auffassung, die zu
einer völligen Lähmung des Denkens, Wollens und Handelns
führt.
Und es ist wirklich ein Irrsinn:
Sie behauptet, dass keine Auffassung besser sei als eine andere,
mit Ausnahme der eigenen, die in einer Welt, in der doch angeblich
nichts besser ist, besser sein will. Wenn denn wirklich keine Sichtweise
besser wäre als eine andere, dann stehen die Nazis und der
Ku-Klux-Klan moralisch auf derselben Stufe wie, sagen wir: Kunstkritiker.
(
)
Aus: "Einfach DAS' " von Ken Wilber
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