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ICH
DACHTE: AHHHHHH!
Doch dann sah ich den Zusammenhang
mit der Motorradwartung, und eine dieser Glühbirnen ging über
meinem Kopf an, und ich dachte: Ahhhhhh!
Es ist gar nicht die Motorradwartung
und auch nicht der Wasserhahn. Die ganze Technik können sie
nicht ausstehen. Und da fügte sich eins ins andere, und ich
wußte, jetzt hab' ich's. Sylvias gereizte Reaktion, als ein
Bekannter das Programmieren von Computern als kreativ bezeichnete.
(
)
Auch sonst paßt noch
manches in dieses Bild. Ab und zu einmal sprechen sie in möglichst
wenigen, gequälten Worten über "es" oder "das
alles", etwa in einem Satz wie: "Man kann dem einfach
nicht entgehen." Wenn ich sie fragte, was sie damit meinen,
würden sie vielleicht antworten: "Na eben den ganzen Kram"
oder: "Den ganzen Betrieba oder gar: "Das System".
Sylvia sagte einmal, um sich zu rechtfertigen: "Dir macht das
ja alles nichts aus, du kommst glänzend damit zurecht."
Ich fühlte mich damals so geschmeichelt, daß ich mich
genierte, zu fragen, was sie mit diesem "das" meinte,
und so tappte ich weiter im dunkeln. Ich dachte, es sei etwas Geheimnisvolleres
als die Technik. Jetzt weiß ich aber, daß mit "es"
vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, die Technik gemeint
ist.
Aber so kann man es eigentlich
auch wieder nicht sagen. "Es" ist so etwas wie eine Kraft,
die die Technik entstehen ließ, etwas Undefiniertes, aber
Unmenschliches, Mechanisches, Lebloses, ein blindwütiges Monstrum,
eine Todeskraft. Etwas Entsetzliches, wovor sie davonlaufen, dem
sie aber, und das wissen sie, nie entkommen werden. Das sind viel
zu große Worte, aber weniger pathetisch ausgedrückt,
weniger genau definiert ist es das schon.
Irgendwo gibt es Menschen,
die damit umzugehen wissen, die es beherrschen und verwalten, aber
das sind Techniker, und die sprechen eine inhumane Sprache, wenn
sie von ihrer Arbeit reden. Es dreht sich alles um Teile und Funktionen
höchst sonderbarer Apparate, aus denen man nie schlau wird,
sooft man sie auch erklärt bekommt. Und diese Apparate, diese
Monstren der Techniker, fressen unaufhaltsam ihr Land auf, verschmutzen
ihre Luft und ihre Seen, und es gibt keine Möglichkeit, sich
dagegen zu wehren, und kaum eine, davor zu fliehen.
Es braucht nicht viel, damit
einer zu dieser Einstellung kommt. Man gehe nur durch ein ausgesprochenes
Industriegebiet in einer Großstadt, da hat man sie überall
vor sich, die Technik. Als erstes sieht man auf hohe Stacheldrahtzäune,
verschlossene Tore, Schilder mit einer Aufschrift wie BETRETEN VERBOTEN,
und dahinter, durch die verrußte Luft, häßliche,
absonderliche Formen, Gebilde aus Metall und Ziegelstein, deren
Zweck man nicht kennt und deren Herren man nie zu sehen bekommt.
Wozu das alles gut ist, weiß
man nicht, keiner sagt einem, warum es überhaupt da ist, und
so kann man sich nur befremdet fühlen, entfremdet, als einer,
der da nichts verloren hat. Die das besitzen und darüber Bescheid
wissen, wollen einen nicht dahaben. Die ganze Technik hat einen
zum Fremden im eigenen Land gemacht. Ihre bloße Gestalt, ihr
Aussehen, ihre Rätselhaftigkeit besagen: "Raus hier."
Man weiß, daß es irgendwo eine Erklärung für
all das gibt und daß es ohne Zweifel auf irgendeine indirekte
Art der Menschheit dient, aber das sieht man nicht. Was man sieht,
sind die Schilder BETRETEN VERBOTEN, KEIN ZUTRITT; nichts, was den
Menschen dient, statt dessen nur "verzwergte" Menschen
- "Menschlein" - Ameisen gleich, die diesen absonderlichen,
unbegreiflichen Gebilden dienen.
Und man denkt sich, selbst
wenn ich dazugehörte, selbst wenn ich kein Fremder wäre,
wäre ich auch nur so eine Ameise im Dienst der Gebilde. So
kommt es, daß man schließlich Feindseligkeit empfindet,
und ich glaube, das ist es, was letztlich hinter der ansonsten unerklärlichen
Einstellung von John und Sylvia steckt. Alles, was mit Ventilen
und Wellen und Schraubenschlüsseln zu tun hat, ist ein Teil
dieser dem Menschen entfremdeten Welt, an die sie am liebsten gar
nicht denken. Sie wollen sich nicht hineinziehen lassen.
Wenn dem so ist, dann stehen
sie nicht allein da. Es ist gar keine Frage, daß sie darin
ihrem natürlichen Empfinden folgen und nicht etwa irgend jemanden
nachahmen. Aber auch viele andere folgen ihrem natürlichen
Empfinden und ahmen niemanden nach, und die natürlichen Empfindungen
sehr vieler Menschen sind sich in diesem Punkt auffallend ähnlich;
betrachtet man sie deshalb als Kollektiv, wie es Journalisten tun,
dann drängt sich die lllusion einer Massenbewegung auf, einer
technikfeindlichen Massenbewegung, einer regelrechten technikfeindlichen
politischen Linken, die scheinbar aus dem Nichts auftaucht, sich
drohend erhebt und sagt: "Macht Schluß mit der Technik.
Geht damit woanders hin. Wir wollen sie hier nicht haben."
Noch wird sie im Zaum gehalten
durch das dünne Netz einer Logik, die besagt, daß es
ohne Fabriken keine Arbeitsplätze und keinen Lebensstandard
gäbe. Aber es gibt menschliche Kräfte, die stärker
sind als Logik, und wenn sie in ihrem Haß auf die Technik
stark genug werden, kann dieses Netz zerreißen.
Man hat Klischees und Schablonen
wie "Beatnik" und "Hippie" für die Feinde
der Technik, die Systemgegner, erfunden und wird weiter welche erfinden.
Aber man macht nicht Massenmenschen aus Individuen, indem man sie
kurzerhand in eine Schablone preßt. John und Sylvia sind keine
Massenmenschen, so wenig wie die meisten anderen, die ihren Weg
gehen. Vielmehr scheint es, daß sie sich gegen das Dasein
als Massenmensch auflehnen. Sie glauben, daß die Technik eine
Menge mit den Kräften zu tun hat, die Massenmenschen aus ihnen
machen wollen, und sie mögen sie nicht. Einstweilen ist es
meist noch passiver Widerstand, Flucht aufs Land sooft es geht und
dergleichen, aber es ist nicht gesagt, daß er immer so passiv
bleibt.
Ich bin nicht ihrer Meinung,
was die Motorradwartung angeht, aber nicht weil ich kein Verständnis
für ihre Einstellung zur Technik hätte. Ich meine nur,
daß ihre Flucht vor der Technik, ihr Haß auf sie, selbstzerstörerisch
ist. Der Buddha, die Gottheit, wohnt in den Schaltungen eines Digitalrechners
oder den Zahnrädern eines Motorradgetriebes genauso bequem
wie auf einem Berggipfel oder im Kelch einer Blüte. Wer das
nicht wahrhaben will, erniedrigt den Buddha - und damit sich selbst.
Aus: "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" von Robert
M. Pirsig
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